1. Die Jungfrau O süßes, süßes Jungfraunbild! In Engelfrieden hingegossen! Noch Kind, und doch so göttlich abgeschlossen! Demütig, sicher, stolz und mild! O Jungfraunbild, dich mögt ich nicht - Es wär mir, wie ein Raub - umfangen, Ich mögte vor dir niederknien und hangen An deinem Himmelsangesicht. Dann läg ich stumm in heilger Scheu, Du aber würdest fromm erglühen, Und still und kindlich bei mir niederknieen Und sinnen, wo die Heilge sei. 2. Kampf Oft, wenn sie still an mir vorüberschwebt Und lächelnd beut des holden Grußes Segen Und mild und treu den frommen Blick erhebt, Da träume ich, beseligt und verwegen, Die Liebe seis, die Gruß und Blick durchwebt, Und auch die kühnste Hoffnung will sich regen. Doch bange Zweifel kehren bald zurück, Und zu mir selber sprech ich dann mit Reue: Wie wär nicht mild und treu ihr Gruß und Blick? Sie ist ja selbst die Milde und die Treue! Und schneller, als es kam, verweht mein Glück, Und alle Wunden bluten mir aufs neue. 3. Sieg Zum ersten Male ist sie heut gegangen Als junge Christin zum Altar des Herrn; Die dunklen Worte, die vorher erklangen, Sie hielten ihr die ganze Erde fern; Ein Todesschauer bleichte ihre Wangen Und fast verglimmte ihres Auges Stern, Denn, wer nicht würdig ißt und trinkt, so spricht Gott selbst, der ißt und trinkt sich das Gericht. Und dennoch hat sie heut sich mir ergeben, Wo jegliche Empfindung ihrs verbot; Sie wagte einmal, ihren Blick zu heben, Da sah sie mich und wurde wieder rot; Nun nahte sie sich dem Altar mit Beben Und nahm nur noch mit Angst das heilge Brot, Und als sie auch verschüttete den Wein, Da jauchzte ich: sie ist auf ewig mein! 4. Glück Wie man das Heilige berührt: Man will ihm selbst nicht geben, Es ist genug, daß man es spürt, So küßt ich sie mit Beben, Und tat der Mund Nicht alles kund, So brachte sies zu Ende In frommem Sinn Zum Vollgewin Durch einen Druck der Hände! 5. Der Tod Die Glocken hast du noch gepflückt, Die uns den Lenz verkünden, Doch nicht, vom schweren Schnee gedrückt, In Farben sich entzünden. Auch hast du dir zum Sonntagsstrauß Die Veilchen noch gewunden Und ihren Duft im Gotteshaus So süß, wie nie, gefunden. Ein frischer Maienblumenkranz War dir ins Haar geflochten, Als dir in deinem letzten Tanz Die zarten Schläfe pochten. Die Rosen treffen dich schon bleich Im Kreise deiner Schwestern: Der weißen bist du heute gleich, Der roten glichst du gestern. Doch kommen sie zur rechten Frist, Um deinen Sarg zu decken, Und was du warst und was du bist, Noch einmal zu erwecken! Die Nelken blühen mir allein Und können mich nur freuen, Um sie bei hellem Mondenschein Dir auf das Grab zu streuen. 6. Spuk Ich blicke hinab in die Gasse; Dort drüben hat sie gewohnt! Das öde, verlassene Fenster, Wie hell bescheints der Mond. Es gibt so viel zu beleuchten; O holde Strahlen des Lichts, Was webt ihr denn gespenstisch Um jene Stätte des Nichts. 7. Nachruf O du, die ungern mir vorangegangen, Wirst du wohl noch des Erdentraums gedenken? Und fühlst du wohl, den Flug zurückzulenken, Zuweilen noch ein flüchtiges Verlangen? Gewiß! Du kennst ja meiner Seele Bangen, Wirst einen letzten Gruß ihr gerne schenken, Dann aber wirst du auf dein Grab dich senken, Denn dies, du weißt es, hält mich stets gefangen. Doch wenn du nun in nächtlich-heilger Stille Herniederschwebst, ein Lüftchen deine Hülle, Was wird mir deine Gegenwart verkünden? Ach, dieses, daß sich Gram und Wehmut legen, Daß Funken sich von neuer Wonne regen, Denn deine Nähe nur kann sie entzünden. 8. Süße Täuschung Oft, wenn ich bei der Sterne Schein Zum Kirchhof meine Schritte lenke, Und mich so tief, so ganz hinein In jene selge Zeit versenke, Wie wir zusammen Hand in Hand Hier wandelten in stillem Wehe, Da ist es mir, als ob das Band Noch immer heiter fortbestehe. Wir gehen fort und immer fort Und schaun die Gräber in der Runde, Du hast für jegliches ein Wort Und sprichst es aus mit sanften Munde, Du sprichst vom frühen Schlafengehn. Und von der Eitelkeit der Erde Und von dem großen Wiedersehn, Das Gott uns nicht versagen werde. Und kommt zuletzt dein eigen Grab, So rufst du aus: wir müssen scheiden! Der Vater ruft die Tochter ab, Wir wußtens längst, und wollens leiden! Und ruhig wandle ich hinaus, Wie einst aus deines Vaters Garten, Wenn er dich heimrief in das Haus, Du aber sprachst, ich solle warten. 9. Nachts Die dunkle Nacht hüllt Berg und Tal, Ringsum die tiefste Stille; Die Sterne zittern allzumal In ihrer Wolkenhülle; Der Mond mit seinem roten Schein Blickt in den finstern Bach hinein, Der sich durch Binsen windet. Ich schreite in die Nacht hinaus, Entgegen jenem Schimmer, Der aus dem forstverlornen Haus Sich stiehlt mit schwachem Flimmer. Jetzt lischts mit einmal aus, das Licht, Ich seh es, doch mich kümmerts nicht; Je dunkler, umso besser. Du glaubst, zum Liebchen schleich ich mich? Die könnt ich näher haben: Nach jenem Kirchhof weis ich dich, Dort liegt sie längst begraben. Dies aber ist das kleine Haus, Da ging sie ehmals ein und aus In seligen süßen Stunden. Nun tuts mir wohl, den Weg zu gehn, Wo ich mich oft entzückte, Das kleine Fenster anzusehn, Wo ich sie sonst erblickte; Die Bank zu grüßen, wo sie saß, Den Busch, von dem sie Beeren las, Die Blumen, die sie noch pflanzte. 10. Offenbarung Auf deinem Grabe saß ich stumm In lauer Sommernacht; Die Blumen blühten rings herum, Die schon dein Grab gebracht. Und still und märchenhaft umfing Ihr Duft mich, süß und warm, Bis ich in sanftem Weh verging, Wie einst in deinem Arm. Und meine Augen schlossen sich, Vom Schlummer leicht begrüßt; Mir war, als würden sie durch dich Mir leise zugeküßt. Still auf den Rasen sank ich hin, Der deinen Staub bedeckt, Doch ward zugleich der innre Sinn Mir wunderbar geweckt. Was ich geträumt, ich weiß es nicht, Ich ahn es nur noch kaum, Daß du, ein himmlisches Gesicht, Mir nahe warst im Traum. Doch, was dies flüchtge Wiedersehn In meiner Brust geschafft, Das kann die Seele wohl verstehn, Die glüht in neuer Kraft. Du hast der Dinge Ziel und Grund An Gottes Thron durchschaut, Und tatest kühn mir wieder kund, Was dir der Tod vertraut. Und wenn das große Lösungswort Auch mit dem Traum entschwand, So wirkt es doch im Tiefsten fort, Gewaltig, unerkannt! 11. Nachklang Ach, zauberische Huldgestalt, Die nie vergessen läßt! Du hältst mit ewiger Gewalt Mich noch im Tode fest! Du spielst, ein sanftes Abendrot, In meine Brust hinein, Und bist du allenthalben tot, Dort wirst dus nimmer sein. |