Schau ich in die tiefste Ferne meiner Kinderzeit hinab, steigt mit Vater und mit Mutter auch ein Hund aus seinem Grab. Fröhlich kommt er hergesprungen, frischen Muts, den Staub der Gruft, wie so oft den Staub der Straße, von sich schüttelnd in der Luft. Mit den treuen braunen Augen blickt er wieder auf zu mir, und er scheint, wie einst, zu mahnen: Geh' doch nur, ich folge dir! Denn in uns'rem Hause fehlte es an Dienern ganz und gar; doch die Mutter ließ mich laufen, wenn er mir zur Seite war. Besser gab auch keine Amme je auf ihren Schützling acht, und er hatte schärf're Waffen und gebrauchte sie mit Macht. Seine eig'nen Kameraden hielt er mit den Zähnen fern, und des Nachbars Katze ehrte ihn von selbst als ihren Herrn. Doch, wenn ich dem alten Brunnen spielend nahte hinterm Haus, bellte er mit heller Stimme meine Mutter gleich heraus. Er erhielt von jedem Bissen seinen Teil, den ich bekam, und er war mir so ergeben, daß er selbst die Kirschen nahm. Wie die beiden Dioskuren brachten wir die Tage hin, einer durch den andern glücklich, jede Stunde ein Gewinn. Macht' ich nicht auch halb vom Tode meinen treuen Pollux frei, ließ ich's nur, weil ich nicht ahnte, daß ich selbst der Kastor sei. Aber allzubald nur trübte uns der heitre Himmel sich; denn er hatte einen Fehler, diesen, daß er wuchs, wie ich. Und an ihm erschien als Sünde, was an mir als Tugend galt, da man mich ums Wachsen lobte, aber ihn ums Wachsen schalt. Immer größer ward der Hunger, immer kleiner ward das Brot, und der eine konnte essen, was die Mutter beiden bot. Als ich eines Morgens fragte, sagte man, er wäre fort und entlaufen wie ein Hase; doch das war ein falsches Wort. Noch denselben Abend kehrte er zu seinem Freund zurück, den zerbiss'nen Strick am Halse; doch das war ein kurzes Glück. Denn, obgleich er mit ins Bette durfte, ach, ich bat so sehr, war er morgens doch verschwunden, und ich sah ihn niemals mehr. Ward er an die Eisenkette jetzt gelegt von seinem Herrn, oder fiel sein Los noch härter, weiß ich nicht, doch blieb er fern! Schau' ich in die tiefste Ferne meiner Kinderzeit hinab, steigt mit Vater und mit Mutter auch ein Hund aus seinem Grab. |